Bewegungsschnitt
Das erste Prinzip ist, innerhalb einer Szene in die Bewegung hinein zu schneiden. Wenn Sie also beispielsweise eine Nah- und eine Groß-Einstellung gedreht haben, wie jemand ein Glas zum Mund führt und trinkt, so schneiden Sie den Bildwechsel mi!en in der Bewegung, während sich der Arm hebt.
Sinn dieses Prinzips ist es, den Schnitt möglichst unauffällig zu halten. Während der Bewegung erkennt der Zuschauer bereits das Ziel der Bewegung und nimmt ihr Ende gleichsam vorweg. Der Zuschauer ist auf die Anschluss-Einstellung vorbereitet; er ahnt bereits, dass das Glas den Mund erreichen wird. Er kennt die Handlung. Wenn dann in der Bewegung geschnitten wird, ist das Folgebild weniger auffällig, als wenn erst die Bewegung komplett ausgeführt wird und mit dem Schnitt ein neuer, unbekannter Handlungsbogen beginnt.

Keine leeren Bilder
Einstellungen innerhalb einer Szene sollten geschnitten werden, bevor die Darsteller aus dem Bild gegangen sind, die Szene also verlassen daliegt. Es sei denn, es gibt einen besonderen Grund. Bei Übergängen zwischen den Szenen kann ein leeres Szenenbild im Gegenteil angebracht sein, um den Spannungsbogen der Szene zu einem Ende zu führen. Aber innerhalb der Szene sollten leere Bilder vermieden werden.
Beide Prinzipien sind im Grunde Varianten desselben Prinzips: Szenen werden als einheitliche Handlungsbögen behandelt, und ein leeres Szenenbild oder eine vollendete Bewegung deuten auf ein Ende des Handlungsbogens hin.

Schnitt/Gegenschnitt
Schnitt/Gegenschnitt ist das häufigste, einfachste und zugleich wirkungsvollste Montageprinzip, das Sie überall in Film und Fernsehen wiederfinden. Denken Sie an jemanden, der auf der Straße steht und in ein Haus gehen will. Er nähert sich der Haustür und schließt auf. Beim Eintreten wird geschnitten; als Gegenschnitt erscheint eine Innenaufnahme, wie derselbe Mann von innen die Haustür schließt, seinen Mantel auszieht und an den Garderobenhaken hängt.
Wenn diese beiden Einstellungen aneinander montiert sind, ergibt sich eine natürliche Handlung, bei der niemand daran zweifelt, dass der Flur, in dem der Mann gerade den Mantel auszieht, ebenderselbe Flur ist, der sich hinter der Haustür befindet, die der Mann vorher in der Außenaufnahme aufgeschlossen hat. Obwohl dies in der Wirklichkeit von Filmstudios sehr zweifelhaft ist.
Oder denken Sie an einen Dialog in einem Film: Sie sehen und hören einen Akteur in naher Einstellung sprechen, und während er spricht, wird plötzlich das Gesicht eines Zuhörers eingeschnitten. Eigentlich sieht man ja etwas völlig anderes, was gar nicht dem Gehörten auf der Tonspur entspricht, nämlich ein unbewegtes Gesicht. Die Aufmerksamkeit des Zuschauers macht aus dem neuen, stummen Gesicht den Zuhörer der Rede. Ohne Montage wäre die Aufnahme des Zuhörers einfach nur ein Gesicht. Als Gegenschnitt in einem Dialog wird dieses Gesicht zu einem Zuhörer. Vielleicht zeigt das eigentlich ausdruckslose Gesicht in diesem Zusammenhang sogar eine bestimmte Reaktion: Aufmerksamkeit, Skepsis, vielleicht Ablehnung…

Das Verständnis der gesamten Filmhandlung entsteht „Schnitt für Schnitt“ aus den Montagen solcher bedeutungserzeugenden Mini-Sequenzen. Die montierten Szenen werden vom Zuschauer in einen filmischen Zusammenhang gerückt. Neben Schnitt/Gegenschnitt gibt es noch viele andere Montagetechniken, die sich teilweise auch als Varianten der Schnitt/ Gegenschnitt-Technik auffassen lassen:

Kausal-Schnitt
Hierbei hängen die aneinander montierten Einstellungen ursächlich (= kausal) voneinander ab. Ohne die erste Einstellung wäre die zweite nicht zu verstehen.
Beispiele: Man sieht zwei Personen lautstark streiten und in der nächsten Einstellung verschwindet die eine Person durch eine Tür und lässt die Tür ins Schloss knallen. Oder jemand legt einen Revolver an und schießt, und in der nächsten Einstellung fällt jemand anderes tot um.

Parallel-Schnitt
Zwei Handlungen werden parallel gezeigt; zwischen den Handlungen wird hin und her geschnitten. Durch schrittweises Verkürzen der Einstellungen lässt sich die Spannung auf einen Höhepunkt hin aufbauen.
Stellen Sie sich zum Beispiel zwei Autos vor, die von verschiedenen Seiten auf eine Kreuzung zurasen. Wenn Sie die Zeit zwischen den Parallel-Schnitten verkürzen, erhöhen Sie die Spannung vor dem Crash (falls es einen gibt).

Assoziativ-Schnitt
Durch die Anordnung der Szenen kann beim Betrachter eine bestimmte Assozia“on ausgelöst werden. Die assoziierte Aussage wird jedoch nicht direkt gesagt bzw. gezeigt. Beispiel: Ein Mann spielt Lo!o und lässt sich in der nächsten Einstellung bei einem Autohändler teure Neuwagen vorführen.

Ersatz-Schnitt
Ereignisse, die nicht direkt dargestellt werden können oder sollen, werden durch bildliche Entsprechungen ersetzt.
Beispiele: Ein Kind wird geboren, aber statt der schmerzhaften Geburt im Krankenhaus wird das Aufblühen einer Knospe gezeigt. Oder ein Liebespaar wälzt sich im Be!, und als Ersatzschnitt platzen Feuerwerksraketen.

Kontrast-Schnitt
Auffallend unterschiedliche Einstellungen werden per Kontrast-Schnitt zusammen geschnitten, zum Beispiel um die Aufmerksamkeit des Betrachters auf einen Widerspruch zu lenken.
Beispiel: Ein Tourist sitzt gelangweilt an der Hotelbar und in der nächsten Einstellung werden Bettler gezeigt.
Der Kontrast-Schnitt wird auch oft im Anschluss an eine lange, ruhige Szene eingesetzt, um eingelullte Zuschauer aufzuwecken und zu zeigen, dass jetzt die Handlung weitergeht. Denken Sie an einen Darsteller, der lange versonnen ein Foto betrachtet, und im nächsten Bild donnert plötzlich ein Zug überlaut in einen Bahnhof.

Formal-Schnitt
Hierbei werden Einstellungen zusammen geschnitten, weil sie einen formalen Aspekt gemeinsam haben, zum Beispiel gleiche Bildinhalte, Farben, Formen oder Bewegungen (rotes Hemd und rotes Auto, Fußball und Erdball, Fenstersturz und herabfallende Feder).
Der berühmteste Formal-Schnitt dürfte die Anfangsszene von Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ sein, bei der ein Menschenaffe einen Knochen in die Luft wirft und im nächsten Schnitt ein Satellit in der Umlau(ahn dieselbe Bewegung fortsetzt, wobei vier Millionen Jahre vergangen sind.
Die beiden montierten Einstellungen haben zunächst nur die Bewegung gemeinsam. Über die Montage wird beim Zuschauer eine Suche nach inhaltlichen Zusammenhängen in Gang gesetzt, die zum Beispiel zu der Idee führt, dass mit dem Knochenwurf die Menschwerdung begonnen hat und sich bis ins Satellitenzeitalter fortsetzt.

Quelle: https://www.magix.com/de/videos-bearbeiten/videotechniken-schnitttechniken/